Ihr Tag ist die Nacht. Ihre Arbeit beginnt, wenn die meisten anderen aus dem Büro kommen, zum Feiern losziehen oder ins Bett gehen: Der Bundespolizist am Bahnhof, der Pizzabäcker am Forum oder der Pfandsammler am Boulevard. Ohne Bielefelds Nachtgestalten wäre die Stadt eine andere. Ein Streifzug nach Sonnenuntergang.

Ein Projekt von Studierenden der FHM Bielefeld und deinfm owl

Hazni, Türsteher im Café Europa

Die feierwütige Truppe kommt auf ihn zu. Er hört sie tuscheln, dann reißen sie sich schließlich zusammen. Jetzt folgt sein Job: Ein kritischer Blick, die obligatorische Ausweiskontrolle. Dann tritt Hazni einen Schritt beiseite und winkt die Partygäste hinein. Hazni ist Türsteher im Bielefelder Club „Cafe Europa“. Besucher sollten sich gut mit ihm stellen, denn er entscheidet über den Verlauf des Abends: Laute Beats und prallgefüllte Cocktailgläser an der Bar oder mit einer Enttäuschung im Gepäck den Heimweg antreten. Doch Hazni ist ein Türsteher mit Herz. Grimmiger Blick? Goldkettchen? Der Körperbau eines Gorillas? Bei ihm sucht man diese Klischees vergeblich. Während er in der Nacht vor der Tür des „Cafe Europa“ steht und sich mit Kaffee und RedBull wachhält, wartet zu Hause seine Frau. Auf Flirts mit weiblichen Gästen legt er keinen Wert.

„Wir sind dafür verantwortlich, dass hier alles durch eine gute Art und Weise positiv zu Ende geht – und das jeden Abend.“

Trotz vieler Schattenseiten – Stress mit Betrunkenen und kurze Schlägereien – schenkt Hazni seinen Gästen ein freundliches Lächeln und hält oft einen ungezwungenen Plausch. Angst braucht vor ihm niemand haben. Das spiegelt sich auch in seinen Worten wieder: „Wir sind dafür verantwortlich, dass hier alles durch eine gute Art und Weise positiv zu Ende geht – und das jeden Abend.“

Interview: Doreen Biermann, Dunja El-Sourani

Text: Dunja El-Sourani

Hinweis: Ein Beitrag über Türsteher Hasni lief auch bei deinfm owl.

Ulli, Bundespolizist am Hauptbahnhof

Auf der Rückseite der dunkelblauen Jacke prangt die Aufschrift Bundespolizei. Der 45-jährige breitgebaute Träger der Uniform heißt Ulli, gerade durchläuft er die Bahnhofshalle in Bielefeld. Es ist 1.30 Uhr in der Früh. Für den Familienvater gehören Nachtschichten, an denen er erst um halb sieben Uhr morgens im Bett ist, zum ganz normalen Arbeitsleben dazu. Und auch der ständige Wechsel zwischen Nacht- und Tagesschicht ist für Ulli kein Problem. Einige seiner Kollegen haben jedoch Schlafstörungen, wie der 45-Jährige sagt. Auch führen die Nachtschichten dazu, dass das Privatleben etwas kürzer kommt. Denn tagsüber, wenn Freunde und Familie aktiv sind, ist für Ulli Schlafenszeit. Als Bundespolizist erlebt er selbstverständlich auch unschöne Momente: Gerade nachts häufen sich Suizidfälle an den Bahngleisen. Doch trotz seines anstrengenden Jobs und der Nachtschichten gefällt ihm sein Beruf, besonders wegen der permanenten Abwechslung. „Jeder Tag ist anders. Es kann sein, dass es mal etwas weniger gibt, dafür ist der nächste Tag so, dass wir nur hin und her gehen, Anzeigen aufnehmen, wieder raus müssen und so weiter. Es ist sehr interessant“, sagt der Beamte. Er lächelt und jeder weiß – er ist ein Bundespolizist aus Leidenschaft!

„Jeder Tag ist anders.“

Interview: Franziska Beckmann und Pia Engelbrecht

Text: Franziska Beckmann

Schopper, Pfandsammler am Boulevard

Es ist Freitagabend, kurz nach Mitternacht am Bielefelder Boulevard. Etwas abseits vom Trubel der Partymeile steht eine Gruppe Männer geschlossen zusammen, neben sich Taschen und Trollis gefüllt mit ihrer bisherigen Ausbeute – Leergut. Sie sind eine Gang von Pfandsammlern, der Bahnhof ihr Treffpunkt, die Innenstadt ihr Arbeitsplatz. Namen nennt hier niemand, stattdessen gibt es einen Löwen, den Holländer oder Schakal. Einer von ihnen ist Schopper; ein blasser, eher schmächtiger Kerl mit bekümmertem Blick. Seinen Spitznamen hat er von einem seiner alten Hobbys bekommen: Er fuhr leidenschaftlich gern Chopperbike.

„Namen nennt hier niemand, stattdessen gibt es einen Löwen, den Holländer oder Schakal.“

Heute ist er froh, sich mithilfe des mühsam ersammelten Pfandguts das Nötigste leisten zu können. Unterkunft für die Nacht findet er in einem Obdachlosenhaus, doch schnell wird deutlich, wie sehr ihn dieser Zustand belastet: „Man wird behandelt wie Vieh.“ Auch Sammlerkollege Schakal kennt das Spiel. „Es ist schwer“, gesteht er, „aber tausendmal lieber würde ich diese Arbeit machen anstatt arbeiten zu gehen.“ Trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen mit Mitmenschen und anderer Widrigkeiten macht ihm das nächtliche Flaschensammeln Spaß: „Es bringt Geld und man lernt neue Leute kennen. Ich habe mich daran gewöhnt.“

Interview: Dominik Andrew Schröder und Cora Vartmann

Text: Cora Vartmann und Klaudia Patacz

Tom, Taxifahrer on Tour

Es ist ruhig. Nur das Radio spielt leise Musik. Tom macht gerade eine kurze Pause. Doch der nächste Anruf lässt nicht lange auf sich warten. Vier Nachtschwärmer wollen vom Bielefelder Hauptbahnhof abgeholt werden. Er dreht den Autoschlüssel um, nippt noch schnell an seinem Kaffee – und fährt los. Mit der Ruhe ist es gleich vorbei. Während die Stadt schläft, herrscht am Bahnhof noch reger Trubel. Bunte Lichter, klackernde Absätze, lautes Lachen und überall Menschen, die kreuz und quer durch die Straßen ziehen.

„Junge, quietschende Damen. Das ist ganz krass. Oder auch junge Mädels, die betrunken sind.“

Toms Taxitür geht auf. Vier Mädchen steigen ein. „Zum Lohmannshof bitte“, sagen alle wild durcheinander. Noch bis zwei Uhr morgens muss er die Bielefelder Feierwütigen an ihr Ziel bringen. Probleme mit dem Schlafrhythmus hat er nicht, aber gegen die Müdigkeit muss er manchmal trotzdem kämpfen. Sein ständiger Begleiter und Wachmacher, der Kaffee, darf bei keiner Nachtschicht fehlen. An seiner Arbeit schätzt Tom besonders den Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen. Doch bei manchen Gästen stößt selbst der entspannte Taxifahrer an seine Grenzen. „Junge, quietschende Damen. Das ist ganz krass. Oder junge Mädels, die betrunken sind.“

Interview: Franziska Beckmann und Pia Engelbrecht

Text: Pia Engelbrecht

Petro, Zugreiniger bei der Eurobahn

Bielefelder Hauptbahnhof. 22:30 Uhr. Das dröhnende Pfeifen eines Zuges ertönt. Für viele Menschen ist jetzt eine lange Reise zu Ende. Sie sind müde, erschöpft und gehen nach Hause. Nach Hause gehen? Das kommt für einen Mann nicht in Frage: Für Petro. Er ist Zugreiniger. Für ihn ist das Pfeifen ein Startschuss. Seine Schicht beginnt!

„Am Bahnhof ist immer Action! Man erlebt immer etwas Komisches.“

Jeder, der früh morgens in den Zug steigt, darf sich in blitzenden und glänzenden Zugabteilen wohl fühlen. Und das, obwohl diese abends total verdreckt aufgefunden werden. Es sind Petro und seine Kollegen, die Nacht für Nacht in den Zügen der Eurobahn auf die Jagd nach leeren Bierflaschen und Brötchentüten gehen, Sitze und Fenster reinigen, Graffitis entfernen. Ein unangenehmer Job? Nicht für Petro. „Am Bahnhof ist immer Action! Man erlebt immer etwas Komisches“, verrät er mit einem Augenzwinkern. Er ist dann wach, wenn andere schlafen. Und seine Arbeit bereitet ihm viel Freude. Langweilig wird es dabei selten. Manchmal stößt er auf vergessene Gegenstände von Reisenden. Etwas mitgehen lassen hat Petro jedoch noch nie: „Ehrlichkeit ist etwas ganz wichtiges!“ Eine noble Einstellung eines interessanten Mannes mit einer interessanten Arbeitszeit – nachts in Bielefeld.

Interview: Dominik Andrew Schröder und Cora Vartmann

Text: Yannick Sonntag

Gitti, Tankstellenwärterin an der Heeper Straße

Die Tankstelle erstrahlt in blauem Licht, im Hintergrund liegt im Dunkeln der Ravensberger Park. Den Einbruch der Dunkelheit bekommt Gitti gar nicht wirklich mit, denn die Aral Tankstelle an der Heeper Straße ist einer der Orte in Bielefeld, an denen auch nachts viel Trubel herrscht.

„Ich hab da’ meinen Baseballschläger – kann ja gerne mal einer vorbeikommen“

Genau das mag die 50-Jährige, die keine Angst hat nachts alleine zu arbeiten. „Ich hab da’ meinen Baseballschläger – kann ja gerne mal einer vorbeikommen“ erzählt sie und lacht dabei herzlich. Gitti findet Nachtschichten angenehmer, da die Leute ganz anders unterwegs sind, wie sie sagt. Sie hat viele Aufgaben, die von 22:00 Uhr bis 06:00 Uhr zu erledigen sind. Und lustig ist es immer. Erst kürzlich wollte ein Betrunkener bei Gitti eine Currywurst bestellen. „Liebes ich bin kein Imbiss, ich bin tatsächlich eine Tankstelle“ habe sie darauf geantwortet. Das kleine Energiebündel versprüht gute Laune. Der Kontakt mit den Kunden macht ihr sichtlich Spaß. Viele kommen täglich vorbei und auch nachts gibt es Stammkunden, die das bunte Treiben an der Tankstelle vorantreiben und dafür sorgen, dass es spannend bleibt.

Interview und Text: Kim Julia Kottwitz

Ralf, Weihnachtsmarktaufbauer am Jahnplatz

Eine halbe Stunde vor Mitternacht. Die Nacht ist klar, Sterne sind am Himmel zu sehen. Blätter wehen über den Boden der Bielefelder Innenstadt. Es ist frisch. Ein großer LKW mitten in der Fußgängerzone lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich. Dort wo sich tagsüber Menschenmassen tummeln, Familien und Teenies, herrscht jetzt Ruhe – jedoch nicht ganz. Ein dunkelhaariger Mann, um die 50 Jahre alt, steht vor dem Laster und reibt sich die Hände.

„Das bringt mir den Kick.“

„Ich bin der Ralf“, sagt er mit tiefer Stimme, „wir sind heute Nacht hier, um einen Teil des Weihnachtsmarktes aufzubauen.“ Hinter Ralf türmen sich bereits die Holzhütten, die in einigen Stunden am passenden Platz stehen sollen. Seit 30 langen Jahren ist er beim Aufbau dabei. Und das zeigt sich in seiner Arbeit. Er winkt den heranfahrenden Gabelstapler ganz ruhig an die richtige Stelle. Routine. Warum er trotz der Nachtschichten immer noch Spaß am Weihnachtsmarkt-Aufbau hat? „Das bringt mir den Kick“ lächelt er. Selbst Unfälle können ihn nicht aus der Bahn werfen: „Einmal bin ich mit einem Kollegen bei Schneefall vom Dach gefallen.“ Glücklicherweise muss sich Ralf in dieser Nacht um Schnee keine Gedanken machen, trotz der Kälte. Er zieht sich die Hose zurecht, dreht sich um, und hievt eines der Holzteile vom LKW. Bis der Weihnachtsmarkt steht und endlich der Geruch von warmen Mandeln in der Luft liegt, werden noch viele weitere folgen.

Interview: Dominik Schröder und Cora Vartmann

Text: Basti Blome

Maik, Pizzabäcker am Forum

Mit Dreitagebart, dunkelbrauner Kurzhaarfrisur und schlaksiger Statur steht Maik in seinem Verkaufswagen vor dem Eingang eines Bielefelder Clubs. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze; an der Hand die nicht bedient, einen Handschuh, zum Schutz gegen die Novemberkälte.

Maik steht nachts vor dem „Forum“ in Bielefeld und verkauft Pizza an Liebhaber alternativer Musik. Gegen betrunkene, grölende Besucher wie jene, die nur wenige Meter rechts neben ihm und seinem Pizzawagen stehen, schützt er sich jedoch anders: Durch seine innere Ruhe. In seiner Nachtschicht beobachtet Maik nicht nur kurze Schlägereien zwischen Clubbesuchern, sondern muss auch selbst mit einigen unangenehmen Zeitgenossen klarkommen.

„Dem bin ich auch hinterher gelaufen.“

Das nervige Feilschen einiger Kunden um einen günstigeren Preis stört ihn dabei weniger. „Das was mich am meisten genervt hat, ist, dass mir jemand ein Stück Pizza geklaut hat“, erzählt er mit leiser Stimme. „Dem bin ich auch hinterher gelaufen.“ Obwohl seine hungrigen Kunden nicht immer einfach sind, bringt Maik mit seiner freundlichen Art wenig aus der Ruhe. Im Gegenteil: Er genießt es, nachts neue Menschen kennenzulernen.

Interview: Doreen Biermann und Dunja El-Sourani

Text: Dennis Rüter

Jason, Barkeeper im Bernstein

Der Geräuschpegel ist hoch, die Bar und die übrigen Tische sind von kleinen Menschentrauben umstellt. Viele Bestellungen warten noch auf ihn, doch er darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Eiswürfel klirren, Jason lässt seinen Shaker mehrmals über die linke Schulter gleiten und greift dann schnell zu Strohhalm und Limette. Geschafft. Den nächsten Drink kann er mit einem smarten Lächeln auf den Lippen und einem Augenzwinkern gekonnt – wenn auch etwas gestresst – servieren.

Jason ist von Beruf Barkeeper, Entertainer und – natürlich – Frauenschwarm. Mit schwarzem Hemd und einer blond-rötlichen Kurzhaarfrisur arbeitet er im Restaurant Bernstein in Bielefeld und erfüllt seinen Gästen jeden Getränkewunsch. Jason ist immer hektisch und hibbelig, deshalb braucht er zur Beruhigung manchmal auch selbst einen Drink.

„Wenn du den Job liebst und gerne machst, ist er das Beste was es gibt!“

Sein Alltag als Barkeeper ist spannend: Jason erzählt von ihm zugesteckten Handynummern weiblicher Gäste, angetrunkenen und pöbelnden Männern und der hohen Kunst des perfekten Cocktails. Auch wenn er sich damit keinen stressfreien Beruf ausgesucht hat und die Füße nach einer langen Nachtschicht oft wehtun, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln: „Wenn du den Job liebst und gerne machst, ist er das Beste was es gibt!“

Interview: Doreen Biermann und Dunja El-Sourani

Text: Kristin Schlüter

Renas, Kioskverkäufer im Hauptbahnhof

Freitagnacht, 0.30 Uhr – aus den naheliegenden Discotheken dröhnen die Bässe nach draußen. Menschenmassen pilgern über den Boulevard und strömen in die umliegenden Bars und Clubs. Inmitten des Bielefelder Nachtlebens, am Bahnhofsausgang unter der großen Treppe, befindet sich der Bahnhof-Store. Hinter dem Tresen des geräumigen Ladens steht Renas, im Hintergrund läuft laute Hip Hop-Musik. „Die vielen Leute, Bekannte und die laute Musik am Wochenende machen mir einfach Spaß.“ Nachts zu arbeiten fällt dem jungen Mann mit den strahlend grünen Augen zwar nicht leicht, „doch wenn viel los ist, bleiben wir bis vier, fünf Uhr.“

„Die vielen Leute, Bekannte und die laute Musik am Wochenende machen mir einfach Spaß.“

Jetzt – zur Primetime – kommen vor allem junge Leute her, um noch letzte Spirituosen zu kaufen. Renas bedient geduldig eine Gruppe aufgedrehter Jugendlicher, kassiert, gibt das Wechselgeld raus. Manchmal kommt es vor, dass Leute insbesondere unter Alkoholeinfluss für Unruhe sorgen. Solche Angelegenheiten versucht der gebürtig aus dem Irak stammende Kioskbesitzer in erster Linie mit seiner gelassenen Art selber zu klären. Auch, weil er Verständnis für die jungen Leute aufbringt und es einfach dazugehört. Im Augenblick ist es noch ruhig, doch Renas weiß: Die Nacht ist noch lang.

Interview: Dominik Andrew Schröder und Cora Vartmann

Text: Niklas Böhmer

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